10.12.2010
BioLAGO Club “Food for Health”: Milchverarbeiter, Biotechnologen, Laborärzte und Analytiker treffen sich in Wangen/Allgäu
Rund 15 Millionen Laktoseintolerante gibt es allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Laktosereduziert reicht vielen Betroffenen nicht, um ernsthafte Gesundheitsbeschwerden zu vermeiden. Deshalb verzichten sie lieber ganz auf Kuhmilch. Passé sind dann auch Backwaren, Würste, Schokoladen, Speiseeis und viele andere Lebensmittel, in denen Milchzucker eingearbeitet ist. Dabei könnte die Nachfrage nach heimischer Milch durchaus wachsen, wenn Lebensmittelverarbeiter mehr in Entwicklung von Methoden und Technik investieren würden, um laktosefreie Kuhmilchprodukte auf den Markt zu bringen. Zu diesem und anderen Themen tauschte sich in Wangen (Allgäu) der BioLAGO-Club „Food for Health“, eine Initiative des Netzwerks BioLAGO für innovative und exportorientierte Unternehmen der Ernährungswirtschaft in der Bodenseeregion, aus.
Ob Milch gesund ist, entscheiden nicht die Inhaltsstoffe, sondern der menschliche Stoffwechsel. Deshalb verlangen immer mehr Verbraucher nach Milchprodukten (Trinkmilch Joghurt, Quark, Butter, Speiseeis, Käse u.v.a.m.), die nicht allein Genuss und Erlebnis versprechen, sondern für sie individuell einen unmittelbaren und nachweisbaren Gesundheitsnutzen haben. Betroffen sind viele andere Lebensmittel – Backwaren, Wurst und Fleisch, Fertignahrung, Gewürzmischungen wie Senf und Ketchup, Schokolade, aber auch etwa Orangensaftgetränke. Ganz am Anfang der Kette stehen die Milchverarbeiter, die längst nicht nur Fertigprodukte herstellen, sondern Milchinhaltsstoffe (z.B. Molkeproteine) separat als Nahrungs- und Futtermittelzusätze vermarkten.
In Wangen im Allgäu traf sich der BioLAGO-Club „Food for Health“, eine Initiative des Netzwerks BioLAGO für innovative und exportorientierte Unternehmen der Ernährungswirtschaft in der Bodenseeregion, zum Thema Fermentation. Das Wissen und die Technologie sind zwar schon längst vorhanden, so die Einsicht beim milchwirtschaftlichen Fachgespräch, doch Vieles, was in anderen Gebieten sicher und erfolgreich angewendet wird, bleibt heute in der Lebensmittelindustrie ungenutzt. Häufig fehlen der frühe und direkte Kontakt von Produktentwicklern, Qualitätssicherern, Produktionsleitern und Geschäftsführern mit Technologieentwicklern in anderen Sektoren. Mehr noch: Die Anwendungen sind nicht von der Stange zu haben. Man kann die Technik selten auf einer Industriemesse begutachten. In der Regel braucht es methodische Anpassung an die besonderen Produktionsbedingungen und das Produktportfolio des Einzelbetriebs. Beim Wangener Gespräch des BioLAGO-Club Food for Health trafen sich Fachleute aus Unternehmen der milchverarbeitenden Industrie, mit solchen von Biotechnologieunternehmen, klinischen Labors und Analytikdienstleistern. Zur Diskussion standen wissenschaftliche Ergebnisse, Pilotversuche und Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Nahen Osten, aber auch Asien.
Eines der Themen des BioLAGO-Clubs war die Entwicklung und Produktion von Produkten für Menschen mit Milchzuckerunverträglichkeit. Bei der laktosereduzierten Milch garantieren die Hersteller, dass der Milchzuckergehalt von 4,8% der Rohmilch auf unter 1% gesenkt ist. Das ist zweifellos ein Fortschritt, denn statistisch profitieren davon rund zwei Drittel derer mit Laktoseintoleranz. Nur: schon 0,3% Milchzuckeranteil reichen aus, um bei Laktoseintoleranz Hautausschläge oder Erbrechen zu provozieren. Das Risiko trägt der Verbraucher. Die Milchzuckerunverträglichkeit (nicht zu verwechseln mit Kuhmilchallergie) ist nicht nur genetisch bedingt. Sie kann auch durch Darminfektionen oder Arzneimittelunverträglichkeiten entstehen. Treten massive Beschwerden auf, ist Vielen nicht bewusst, dass ausgerechnet die Kuhmilch die Ursache ist, umso mehr als sie diese doch bisher problemlos vertragen haben. Ärztliche Fehldiagnosen sind nicht unüblich, sagen Selbsthilfegruppen. Wer schließlich um seinen Mangel an dem Verdauungsenzym Lactase weiß und dennoch nicht auf seinen Latte Macchiato oder den Pudding verzichten will, dem bleibt bei laktosereduzierten Produkten nur der Selbsttest, der gänzliche Verzicht auf Milchprodukte oder eben – dies die Botschaft an jene, die den Milchkonsum ankurbeln wollen – die Entwicklung laktosefreier Produkte.
Vor diesem Hintergrund war denn auch die Diskussion kontrovers, denn bei den Verarbeitern sucht man mit möglichst billigen und einfach umzusetzenden Maßnahmen den schnellen Verkaufserfolg. Und der ist hier nicht zu haben. Doch einig waren sich die Teilnehmer des BioLAGO-Clubgesprächs in vier Punkten: Hinter einem Werbeversprechen muss der nachweisbare Gesundheitsnutzen stehen. Eine nachhaltig profitable Produktion entsprechender Lebensmittel beruht auf der Anwendung wissenschaftlich-technischer Methoden. Deren Umsetzung ist auch für kleinere Betriebe erschwinglich. Man muss es nur wollen, und die Gelegenheit nutzen, sich mit Personen aus anderen Fachbereichen und jenseits der Landesgrenze auszutauschen.
(Pressemitteilung BioLAGO e.V., 10.12.10 - Abdruck frei, Beleg erbeten)
BioLAGO Club Food for Health (http://www.biolago.org/aktivitaeten-service/arbeitsgruppen/club-food-for-health/) ist eine Initiative im BioLAGO für innovative und exportorientierte Unternehmen der Ernäh¬rungswirtschaft in der Bodenseeregion – Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg, Liechtenstein, St. Gallen, Appenzell, Thurgau, Schaff¬hausen. Hier treffen sich Qualitätsbeauftragte, Produktentwickler, Produktionsleiter, Geschäftsführer, anwendungsnahe Forscher, Behör¬denvertreter und andere Fachpersonen. Ziel ist der vorwettbewerbliche und grenzüberschreitende Austausch über die gewinnbringende und sozial verantwortliche Anwendung von Technologien.


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